Nun, ich bin aus Heidelberg in den hohen Norden gezogen, und musste
feststellen, dass wenn ich nach der Uhrzeit gefragt werde, und mit
einer Antwort wie "Drei-Viertel-Neun" aufwarte, mir oftmals
Unverständnis entgegen gebracht wird.
Man wird hin und wieder auch belächelt oder darauf hingewiesen, dass dies doch keine richtige Aussage sei.
Nachdem ich mir darüber einmal Gedanken gemacht habe, fiel mir auf,
dass diese Art der Uhrzeitangabe eine gewisse Konsequenz beinhaltet.
Die Süddeutschen gebrauchen hierbei, auf
mathematische Weise ausgedrückt, nur eine Formel, egal ob
Zeitpunktangabe oder Zeitdauerangabe.
Zur Veranschaulichung ein kleines Beispiel:
Digitale Uhr:
Süddeutsche Angabe:
Norddeutsche Angabe:
Analoges Kuchenbeispiel:
6:00 Uhr
Sechs Uhr
Sechs Uhr
Kein Kuchen
6:15 Uhr
Viertel Sieben
Viertel nach Sechs
Viertel Kuchen
6:30 Uhr
Halb Sieben
Halb Sieben
Halber Kuchen
6:45 Uhr
Dreiviertel Sieben
Viertel vor Sieben
Dreivertel Kuchen
7:00 Uhr
Sieben Uhr
Sieben Uhr
Ganzer Kuchen
Zu
sehen ist, dass die Süddeutschen 'die Formel', welche auch zur Angabe
einer Teilmenge eines Kuchens benutzt wird, verwenden. Die
Norddeutschen verwenden diese Formel zwar auch, jedoch nur, wie im
Beispiel zu sehen, bei 6.30 Uhr.
6:15 Uhr und 6:45 Uhr werden wie bei den Engländern und Franzosen umschrieben.
Bei Zeitdauerangaben sind sich beide Völkchen wieder einig. Hier verwenden Süd- wie Norddeutsche das Kuchenprinzip.
Dies scheint mir auch der Grund zu sein, warum ich mich immer wundere,
dass ich mit meiner Süddeutschen Uhrzeitangabe auf Unverständnis
stoße. Da sie ja das Kuchenprinzip kennen und selbst auch verwenden.
'Dreiviertel oder Viertel' wird hauptsächlich in Südwestdeutschland und Bayern bis hinein nach Österreich verwendet.
Auch in den neuen Bundesländern ist Dreiviertel Sieben eine gebräuchliche Uhrzeitangabe.
Nachtrag:
Da ich schon des öfteren bezüglich des Domainnamens angesprochen wurde:
Das auch in den neuen Bundesländern die Dreiviertelvariante gebräuchlich ist, war mir zum Zeitpunkt der Domainwahl, vor 6 Jahren, nicht bekannt.
Sie sollte mit einem Augenzwinkern, polarisierend und provotzierend den Nord-Süd-Konflickt wiederspiegeln.
Die geografische Verteilung der Uhrzeitaussprache grafisch dargestellt unter folgender Karte (Uni Augsburg / Herr Prof. Dr. Stephan Elspaß):
Dreiviertel-Karte
Herr Prof. Dr. Stephan Elspaß, der diese Karten dank seiner Umfragen ermöglicht, nannte mir zu dieser Karte folgende Quellen:
Eine ältere Version der Karte (Stand 1970er Jahre) findet sich im "Wortatlas der deutschen Umgangssprachen" von Jürgen Eichhoff, Bd. 1 (1977), Kt. 39
Dort findet sich auch die Karte 40 zu "6.15".
Beide älteren Karten zusammen und in Farbe im "dtv Atlas Deutsche Sprache" von Werner König auf S. 232
Die Erklärung der verschiedenen Ausdrücke entnommen aus
"dtv Atlas Deutsche Sprache" / Werner König (14. Aufl. 2004, S. 232):
"Beim Typ 'viertel 7' [für 6.15] liegt der Rest eines älteren 'oberzähligen'
Systems vor, das im Deutschen z. B. auch noch in anderthalb (1 1/2 = 'die
Hälfte vom anderen, Zweiten') vorhanden ist.
Im Altisländischen z. B. sind Zahlenangaben des Typs 'sieben Einer vom siebten Zehner' noch durchaus
gebräuchlich.
Die Meldungen mit 'Viertel nach 6' im südl. Bayern und
Österreich spiegeln eine neuere Entwicklung.
Noch vor dem Ersten Weltkrieg,
wo Kretschmer eine vergleichbare Befragung durchführte, sind aus diesem
ganzen Gebiet nur wenige Meldungen 'Viertel nach 6' vorhanden. Hier wurde
älteres 'Viertel auf 7' bzw. 'Viertel über 6', das in Österreich noch
vielfach vorhanden ist, verdrängt."
Unter selbiger Domain (www.philhist.uni-augsburg.de) sind noch weitere Karten für den
regionalen Sprachgebrauch zu finden.
(Stichwort: Samstag/Sonnabend oder
Möhre/Rübe/Karotte)
Dieser sprachliche Unterschied wird übrigens schon von den Gebrüdern
Grimm um 1860 in ihrem deutschen Wörterbuch beschrieben und hat somit
eine lange Tradition.
Bei den Gebrüder Grimm habe ich noch eine weitere Variante der Uhrzeitangabe entdeckt.
Erwähnt wird sie in dem Märchen: Das Wasser des Lebens.
Man kann da folgenden Satz lesen:
Also legte er sich und schlief ein: als er erwachte, schlug es dreiviertel auf zwölf.
Im Niederländischen heißt es heute noch 'Viertel
über 6' : 'kwart OVER 6'!
Im Dänischen (Stichwort Altisländisch) soll
es heute noch recht eigentümliche Zahlen- und Uhrzeitangaben geben.
Im Zusammenhang Dialekt und "Viertel Sieben": schrieb mir Prof. Dr. Stephan Elspaß:
"viertel 7" wird keineswegs nur im Dialekt
verwendet, sondern eben auch in der Hochsprache. Es würde ja auch niemand
ernsthaft behaupten wollen, 'Sonnabend' sei norddt. Dialekt oder 'Semmel'
gäb's im Süddt. nur im Dialekt.
Und Wikipedia kann zur Uhrzeitaussprache folgendes berichten:
Wie es nun zu diesen Unterschieden in der Angabe der Uhrzeiten genau kam, ist mir nicht bekannt.
Vielleicht
hat es irgendwie mit den Kirchturmuhren zu tun, an denen sich früher die
Menschen orientieren mussten, da Uhren noch nicht verbreitet waren. Sie
schlagen viertel, halb, dreiviertel und ganz.
Man könnte sich auch vorstellen, dass vor langer Zeit die Süddeutsche
Uhrzeitangabe auch im Norden verbreitet war und sie später durch den
englischen Einfluß verdrängt wurde.
Oder es entstand die süddeutsche Uhrzeitaussprache wie z.B. viele Dialekte auch, aus sprachlicher Verkürzung und Vereinfachung.
Dreiviertel Sieben geht mir jedenfalls flüssiger von den Lippen als Viertel vor Sieben.
Vielleicht ist es auch die Vertrautheit die mich das glauben lässt ;)
Letzenendes ist doch beides richtig, und keines wirklich besser als das Andere.
Mit ein bisschen Toleranz und Einfühlungsvermögen sollten wir es doch
hinbekommen einander zu verstehen, oder sind Sie anderer Meinung?
Dann aber schleunigst auf den folgenden Link geklickt.
Idee und Umsetzung:
Ronald Beaugeois (Impressum / Kontaktformular),
Mitverantwortlich bei Polimorf und Bloer
für Ideen, Design, Konzeption und Umsetzung.
...der aus dem Süden in den Norden gezogen ist,
und die Herausforderung gesucht hat,
eine Seite in hässlichem Rot zu machen.